Jüdisches Gemeindezentrum und Synagoge, Ulm

Stadtbaustein Synagoge

Freistehend, eigenständig, raumbildend positionieren wir den neuen Stadtbaustein Synagoge am Weinhof. Er duckt sich nicht unter, er lehnt sich nicht an die bauliche Nachbarschaft, doch er sucht Bezug zu dieser und entwickelt sich aus deren vorhandenen Körnung. Ein Stadtbaustein im öffentlichen Raum, von allen Seiten erlebbar, von allen Seiten spürbar.
Wir neigen den Platz nach historischem Vorbild gleichmäßig nach Norden, befreien ihn von Mauer und Geländeaufschüttung und weiten ihn dadurch bis zu den nördlichen Gebäudekanten. Die zukünftige Platzgestaltung – barrierefrei ohne abgesetzte Fahrspuren - verstärkt unser städtebauliches Ziel. Somit betritt man zukünftig über den neuen Bau kommend unmittelbar die neue Platzfläche Weinhof, der Gesamtzusammenhang wird bereits hier spürbar. Die Sicht- und Wegebeziehung zum Schwörhaus bleibt erhalten, wird in der vorgeschlagenen Form gestärkt. Es entsteht ein großzügiger eigenständiger Platzteil, in den wir das bestehende Denkmal zur Erinnerung an die Pogromnacht stellen, zukünftig mitten im Stadtraum erlebbar. Dem gegenüber der größere Teil des Weinhofes, Schwörhaus, Steuerhaus und Christopherusbrunnen bleiben unverändert präsent und prägend, die Proportion des Platzes gestärkt.
Der Eingang zum neuen Gemeindezentrum mit Synagoge tritt unmittelbar am Schwörhaus in Korrespondenz zu diesem. Schwörhaus, Synagoge, Brunnen und das Steuerhaus bilden ein unverwechselbares Ensemble. Gegenüber der Zugang zum Laden und zur Mikwe.

Das Haus gliedern wir im Wesentlichen in drei Funktionsschichten: Gemeindebereich, Kindertagesstätte und Synagoge.
Der Empfang erfolgt über einen tiefen Vorplatz als einladende Geste - gleichzeitig geschützter Teil des Hauses als auch öffentlicher Stadtraum am Weinhof, ein weicher, halböffentlicher Übergang außen zu innen, ein Treff am Entree. An der transparenten Zugangsfassade präsentiert sich die Bibliothek, gleichzeitig besteht Blickkontakt von den beiden Büros aus dem Geschoss darüber. Über den kontrollierten Windfang erschließen wir das zweigeschossige Foyer, attraktiver Treffpunkt und Verteiler. Der Saal, zweigeschossig und teilbar im Osten, die Nebenräume gestapelt im Norden, Aufzug und Treppenhaus in der Ecke, die Garderobe im Zentrum. Gleichzeitig ist das Foyer der Antritt zu einem alternativen, fast schon mystischem Weg zur Synagoge. In der zweischaligen Außenwand führen wir eine schmale, lange, einläufige Treppe - ausschließlich als Aufgang - direkt zur Synagoge und darüberhinaus weiter zur Frauenempore. Die Bibliothek rücken wir in den Blick der Öffentlichkeit – einsehbar innen wie außen – im Zwischengeschoss über der Pforte.
Dann das Geschoss der Kinder – räumlich überhöht - im Vorbereich die beiden Büros. Um den zentralen Aufenthaltsraum – die Mitte - siedeln die beiden Gruppenräume, Erzieherin und Nebenräume, als auch ein Freibereich mit Spiel- und Sitznischen in der Außenwand. Rutsche und der baurechtlich notwendige zweite bauliche Rettungsweg zur Geländebasis sind ebenfalls Funktionsteile der Wand.
Darüber die Synagoge. Räumlich einfach koppelbar mit Religionsschule und Jugendraum bietet sie problemlos Platz für 220 Besucher. Der Toraschrank ist exakt Richtung Jerusalem gerichtet und ist als durchgängiges Prinzip Teil der zweischaligen Wand. Der Vorbereich mit Garderobe, Toilette und Waschbecken öffnet den Blick über eine große Stadtloggia in die Sattlergasse. Die gleiche räumliche Qualität eine Etage höher, von hier aus erschließen wir die Frauenempore und einen weiteren Freibereich, den nicht überdachten Hof für die Sukka. Den oberen Wandabschluss der Synagoge bilden 12 Fenster, die wir zu einem umlaufenden Band reihen und mit der Verglasung im Dach verbinden.
Den kleinen, direkt von außen zugänglichen Laden platzieren wir im Hanggeschoss und nutzen die wiedergewonnene Platzneigung nach Norden zur Erschließung. Die innere Verbindung über das Treppenhaus ist gewährleistet. Die Mikwe kann sowohl direkt von außen, als auch von innen erschlossen werden. Auch hier legen wir Wert auf höchste räumliche Qualität, den Weg zum Tauchbecken formulieren wir als lange Steinstiege entlang der notwendigen Nebenräume. Am Ende des Weges - über die uneinsehbare Brüstung am Saal - ein Lichtspalt ins Freie!

Die notwendigen Fenster bündeln wir und gliedern die massive Hülle durch große Wandöffnungen mit ausgeprägt tiefer Leibung. Zusammen mit dem außen bündigen, feinen Messingschleier entsteht ein räumlich erlebbarer, gefilterter Übergang Innen zu Außen und umgekehrt im unverwechselbaren Stadtbaustein Synagoge.


Daten:

Auslober:Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg 
 Stadt Ulm 
Wettbewerbsart:Gutachterverfahren als Mehrfachbeauftragung 
Jahr: 2009 
Team: Peter Fink 
 Claudia Habrik 
 Daniele Ricci 
Objektadresse:Weinhof 
 89073 Ulm