Überdachung ZOB Esslingen

Großzügig, eigenständig und zurückhaltend

Prägend steht das historische Bahnhofsgebäude mit seinen liebgewonnenen Fassaden im Mittelpunkt und dies soll auch in der zukünftigen Wahrnehmung so bleiben! Nicht das Dach an sich darf sich in den Vordergrund drängen, der Platzraum mit seinen städtebaulichen Qualitäten steht an vorderster Stelle. Vielfältige funktionale Wege- und Fahrbeziehungen überlagern zukünftig die neu gestaltete, großzügig zusammenhängende Platzfläche.

Ein Dach - auf gleichbleibender Höhe – zurücknehmend und frei von Moden und oberflächlicher Vielfalt in seiner Gestalt- und Materialaussage ist für uns die überzeugendste Antwort. Im Prinzip ein leichter Wetterschutz über all diesen Verflechtungen ohne diese mit der Dachkonstruktion hervorzuheben. Dünn am Rand, fast stoffhaft nähert sich der Wetterschutz des ZOB an den baulichen Rändern den umgebenden, mehr oder weniger bedeutenden Fassaden. Vorhandene Gesimse stehen im Dialog zum Dachrand. Von Osten her umgreift das neue Dach knapp die Hälfte des Bahnhofgebäudes und schützt hier die neue, nördliche Busvorfahrt samt Haltestellenbereich. Um im Osten die parallelen Bushaltespuren komplett zu überdachen führen wir die Dachkonstruktion an die Straßenflucht der Bahnhofstraße. Im Süden wird das Bahnhofsgebäude – analog zur Nordseite – ebenfalls knapp hälftig durch die Dachkonstruktion umfasst und durch die Trasse der neuen Südumfahrung begrenzt.

Aus dieser Geometrie resultiert ein im Grundriss konsequent rechteckiger Dachkörper, der nur in den inneren Gehweg- und Fußgängerbereichen durch schlanke Stützen gestützt wird, wobei alle Ränder frei auskragend und somit stützenfrei sind. Konkret bedeutet das, dass besonders die nördliche Busvorfahrt bei eine Auskragung von 15m ebenfalls stützenfrei ist. Der Dachkörper ist 95 m lang, 44 m breit und hat im Zentralbereich eine innere Bauhöhe von 1,2 m.

Im Aufriss ist die Dachoberseite im inneren Zentralbereich etwa eben und fällt besonders zum Nord- und Ostrand leicht ab. In Richtung des West- und Südrandes verläuft die Dachoberseite nahezu eben. Die Topografie der Dachunterseite ist zu den Dachrändern hier nach oben ansteigend geneigt. Im Zentralbereich des Daches ergeben sich unterschiedliche Unterseitenneigungen, je nach geometrischer Faltung und Knickung. Die Faltung der Dachunterseite korrespondiert direkt mit den Stützen, welche zwar die Fahrspuren mit dem nötigen Abstand freihalten, ansonsten jedoch einer freien Ordnung unterliegen. Dies führt zu einer  Vielfalt unterschiedlich geneigter und gefalteter z.T. dreieckiger Flächenbereiche, was die gewollte Leichtigkeit bewirkt.
Die notwendige Helligkeit wird durch 7 – ebenfalls dreiecksförmige – Lichtöffnungen erreicht. Die gesamte Dachfläche umfasst ca. 3400 m², wobei hier ca. 10 % der Fläche lichtoffen ist. Für eine wirtschaftliche Realisierung einer Struktur dieser Art eignet sich in besonderem Maße das Material Stahl in Form von Stahlblechen.
Um diese leichte Dachkonstruktion mit ihren Auskragungsbereichen, besonders vor dem Nordausgang des Bahnhofs, zu realisieren, musste ein System innerer Rippen so entwickelt werden, dass bei geringsten Gewicht höchste Steifigkeiten und somit kleinste Verformungen erzielt werden. Hierzu wurden geradlinige Spuren über Stützenpaare gelegt, entlang derer dann die inneren Rippen, in Form vertikaler Bleche, verlaufen. Diese Rippen sind somit über die Stützen eingespannt und transportieren anteilig Kragmomente zu den Lagern. Weiter Rippen verlaufen entlang der Blechknicke und Faltungen die sich aus der Geometrie entlang der Ober- und Unterfläche ergeben. Mit diesem inneren Rippensystem – vergleichbar einer Blattstruktur mit Haupt- und Seitenrippen- gelingt es, im Zusammenwirken mit den Blechen der Dachober- und –unterseite, die notwendige Steifigkeit zu erreichen. Für die Bleche der Dachober- und unterseite sind Blechdicken von ca. 5 mm ausreichend. Für die Rippenbleche reichen Dicken von ca. 10 mm aus. Über den Stützen sind lokale Verstärkungen sowohl der Rippenbleche, als auch der Deck- und Bodenblech notwendig.
Das Zusammenwirken von Deck- und Bodenblechen mit den vertikalen Innenrippen bewirkt, dass sich in den benachbarten Hohlkastenfeldern Momentenanteile aus Biegung und Torsion superponieren und somit eine optimale Gesamtsteifigkeit erreicht wird. Die Vertikalrippen sind gewissermaßen, bestehend aus Steg und Flanschen aus mittragenden Deck- und Bodenblechanteilen, die ‚Biegeträger‘. Dort wo z.B. zwei benachbarte Rippen sowie Deck- und Bodenblech zusammenwirken, ergibt sich ein einzelliger bzw. mehrzelliger Torsionskasten mit entsprechend hohem Torsionswiderstand. Die Bleche können gekantet werden. Aufgehende Vertikalrippen sind mit Kehlnähten verschweißbar. Deckbleche und Rippen können z.B. mit Dreiblechnähten, Rippenkreuze mit Mehrblechnähten verschweißt werden.
Die Stützen folgen in Form und Querschnitt der flächigen Geometrie der Unterseite. Sie sind ebenfalls aus Blechen als Dreiecksquerschnitte zusammengesetzt. Vorteilhaft ist hierbei, dass die Blechdicken den individuellen Beanspruchungen angepasst werden können. Der Dachkörper ruht auf 42 Stützen, die eine mittlere Länge von 6,2 m haben.
Die Stützenfüße sind in die Fundamente eingespannt. Unter Volllast aus Eigenlast und Schnee wurden maximale Lager -Vertikallasten von 800 kN (Druck) ermittelt. An einer Stelle ergibt sich eine abhebende Kraft von 600 kN. Die Stützenfüße sind gruppenweise über Fundamentbalken verbunden. Das hat den Vorteil, dass Einspannmomente verteilt werden können und einzelne abhebende Fundamentlasten über Querverteilung verschwinden. Die Fundamentbalken werden in entsprechender Tiefe flach gegründet, wo notwendig, werden lokal Micropfähle ergänzt.

Das Möblierungs- und Lichtkonzept folgt der Klar- und Einfachheit.
Die dynamische Fahrgastinformationsanzeigen hängen wir frei vom Dach ab, bedarfsgerecht verteilen wir Einzelhocker in Analogie zur freien Stützenstellung. Die Lichtausschnitte im Dach hinter leuchten wir flächig, so dass auch Nachts über diese Flächen die Grundbeleuchtung erfolgt. Lichtakzente bieten die in den oberen Stützenbereichen integrierten Deckenfluter und die Unterleuchtung der Sitzhocker durch Bodenstrahler. Einfach und wirkungsvoll!


Daten:

Auslober:Große Kreisstadt Esslingen am Neckar 
 vertreten durch 
 Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger 
Wettbewerbsart:Nichtoffener Planungswettbewerb mit vorgeschaltetem,
 qualifiziertem Auswahlverfahren nach RPW 2008 
Jahr: 2010 
Team: Peter Fink 
 Claudia Habrik
 Klaus Abele 
 Daniele Ricci 
 Leonhardt, Andrä und Partner, Beratende Ingenieure
 Stuttgart 
 Dieter Sandner 
Objektadresse: ZOB am Bahnhofsplatz 
 Esslingen am Neckar